Wenn Zeitungen sterben, darf das Internet nicht leben

Frank Schirrmacher gefällt sich gerade als Dignorant. Provokant, vollmundig und sehr von oben herab gab er den Don Alphonso, der die unbelehrbaren Internetfuzzies endlich aus ihrem ideologischen  Verblendungszusammenhang befreit. Seine Abrechnung mit deren (falschen) „Heiligen Versprechen“ geriet allerdings zum Schmähstück. Mit heißer Nadel gestrickt, reich an Recherchefehlern, bot er eine Steilvorlage: Kluge Internet-Köpfe schauten ungläubig auf ihre Screens und eröffneten Gegenreden, Gegenreden, Gegenreden, Gegenreden. Das alles so sachlich, souverän, ausgewogen und ja, ausführlich, wie man es von einem FAZ-Herausgeber fordern darf.

Was zeigt der Vorgang?
Zunächst einmal: verkehrte Welt! Gerade dort, wo man Qualität erwartet hätte, weil sie durch solide finanzierte Strukturen möglich ist, hat Schirrmacher sich und seinen Lesern diese versagt. Nicht allein in der Recherche, sondern darüber hinaus in seinem überheblich-belehrenden Stil und der erkennbar fehlenden Kollegialität für Publizisten, die kein üppiges Gehalt, ja womöglich aufgrund der Medienkrise gar keine regelmäßigen Einkünfte (mehr) zu erwarten haben. Seine Sprechhaltung läßt erkennen, wie weit weg er sich von all dem Gratis-Gedöns wähnt, aus dem angeblich die Zukunft entstehen soll. Für diese Spinner, Sharer und Liker, das klingt zwischen seinen Zeilen deutlich durch, ist sein Verriss netzaffin genug –  lautstark, allgemeinplätzig  und schlampig recherchiert: versendet sich ja eh alles.

Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Die Netzautoren deckten Abhängigkeiten auch bei der gediegenen FAZ auf, kritisierten die instrumentalisierende Zuspitzung des Textes sowie das unlautere Weglassen der Gegenbeispiele. Verschweigen ist bekanntlich die kleine Schwester der Lüge. In bester GuttenPlagscher Kollaboration wiesen sie auf weitere handwerkliche Fehler und Nachlässigkeiten Schirrmachers hin. In der Sache geschah also nichts anderes als eine ordentliche redaktionelle Teamleistung: Alle unterwerfen sich dem höchsten Kriterium, der Wahrheitsfindung – nur, dass hier, in diesem virtuellen Team, keiner dafür bezahlt wurde. Etwas um der Wahrheit willen aufzudecken, bleibt die ursprüngliche Motivation von Journalismus und verdient zuallererst Achtung. Im Internet entsteht die Wahrheitsfindung zwar noch unter sehr erschwerten Bedingungen, aber sie enwickelt sich stetig.

Absurdistan ist überall
Paradox an der ganzen Sache ist anderes: Frank Schirrmacher liegt ja nicht gänzlich falsch, zumindest, was die Finanzierung publizistischer Angebote von Einzelpersönlichkeiten betrifft. Natürlich gibt es Ausnahmen, dazu kommen alternative Bezahlmodelle und neu sich bildende Netzwerke (istlokal, Redaktionsbüros) usw. Mühsam genug versuchen sie auf eigene Faust zu publizieren, was ihnen wichtig scheint. Dennoch – wenn morgen alle klassischen Zeitungen, Magazine sowie der Rundfunk in Schockstarre fielen, würde uns eins krass auffallen: Die meisten Angebote haben in der Nische ihre Stärke, deshalb sind sie ja so interessant, weil sie dort, wo es früher auch in Redaktionen Spezialisten gab, Fachkompetenz versammeln. Kurzum, die Ein-, Zwei- oder Drei-Mann/Frauen-Betriebe wären gar nicht in der Lage, die flächendeckende Berichterstattung, die thematisch Vielfalt der Ressorts auch nur im Ansatz zu ersetzen. Freilich noch nicht.

In jedem Moment liegt Wahrheit, sie ist nur schwer zu erkennen
Denn richtig ist auch: was grade passiert, ist eine Momentaufnahme. Diese kann sich rasch ändern, jedenfalls ist der Umbruch längst im Gang, ohne dass auch nur einer solide vorhersagen könnte, wo und wie sich das Medien-Feld neu organisiert. Das Wort, dass die Autos auch nicht durch die Kutscher erfunden wurden, ist mittlerweile geflügelt – aber die Botschaft darf, scheint’s, nicht landen. Der Wandel von der Gratis-illegal-Kultur bei weiland Napster zum profitablen iTunes ist in mancher Hinsicht ein Lehrstück, auch dass Musikhören und Musikkaufen von vordem nicht mehr dasselbe ist wie heute. So könnte es den etablierten Medien auch gehen.

Im besten Fall, hoffen viele, wechselt sich nur der Träger, aber das Konzept Zeitung kann sich mit geringen Modifikationen erhalten: Das Papier wird Digitalfolie (Redaktion und Anzeigen bleiben im Prinzip bestehen und die Verlage haben die meiste Kompetenz im Handling von beidem.) Die alternde deutsche Gesellschaft festigt habituierte Leseprozesse und beschert den Verlagen weiterhin ausreichend Abonnements.

Im schlechtesten Fall wird etwas ganz Neues entstehen: Anwendungen, die in einer anderen (als der Medien-) Branche erfolgreich sind, können zur allgemeinen Gewohnheit werden und den ursprünglichen Nexus von Anzeigen und Redaktion, nicht nur im Rubrikengeschäft, auflösen. Ja, im letzten könnte auch die uns so selbstverständlich gewordene Einheit des Redaktionellen einer massiven Veränderung unterworfen sein. Dass Google nach Suchanfragen Geschichten schreiben lässt, verheißt erst einmal nichts Gutes. Doch das zunehmende Aggregieren, Feeden, aber auch Auswählen und Empfehlen könnte der Aufschein einer neuen Rezeptionskultur sein (Vor einiger Zeit bewegte der Ausspruch eines Praktikanten bei Morgan Stanley die Gemüter: „Was wichtig ist, erreicht mich schon!“, ist definitiv was anderes als staatsbürgerliche Holpflicht). Dies gepaart mit immer kürzerer Lesezeit, weckt Veränderungsszenarien. Es ist also einiges denkbar, aber was passiert?

Jetzt nervt es wirklich
Anstatt sich dem ehrlich zu stellen, werden ritualhaft Reflexe wiederholt: Jammern („Erst wenn die letzte Qualitätszeitung dahin ist, werden die Leser merken, wie sehr…“), Abwiegeln („Noch erwirtschaften wir ordentliche Renditen“), Auseinanderdividieren („Hier solides Print, da lausiges Internet“), Fordern („Subvention oder Kulturflatrate, bitte!“) Zustandsbeschreibungen („Zu wenig Leute, zu wenig Leser, schlechte Konjunktur“), Vorwürfe („Zuviel PR!“). Alles davon ist in Teilen richtig und mitverursachend für die Krise, aber den Strukturwandel gestaltet die Branche damit nicht.

Es fehlt an konzertierten Aktionen, mit denen sinnvoll und nachhaltig investiert wird: in Initiativen, die branchenrelevante, taugliche Modelle zur Organisation des Wandels entwickeln, in den Aufbau von Kreativlaboren, in die Förderung von Erfahrungswissen und Denkfreiheit, in Best Practice Beispiele, die nicht nur beim (Welt)-Verlegertreffen dokumentiert werden, in einfache Bezahl- und flexibilisierbare Abomodelle, in Vernetzungen, um die vorhandenen Aktivitäten  der Zeitungsleseförderung Jugendlicher etc. zu vernetzen, neues Leseverhalten (Spotting), und vieles andere mehr. Dazu bedarf es der Unterscheidung, da man nicht alle Medien, nicht alle Zielgruppen, nicht alle Bedürfnisse über einen Kamm scheren kann.

Horsche mal
Wenn  Zeitungen sterben, wird das Internet sie beerben. Was das Internet, was seine User aus diesem Erbe machen, wird sich noch zeigen. Es gibt Generationen, die das Erbe verprassen und solche, die es klug pflegen, mehren und weitervermachen. Auch das Internet, obwohl es sich so dynamisch entwickelt, braucht Zeit, profilierte und tragfähige Angebote zu entwickeln. Freilich, Enttäuschungen und Lehrgeld inklusive. Bei welchem Verlag hätte es diese Erfahrung im Printbereich nicht auch gegeben. Die Zahl eingestellter Titel ist Legion, angefangen von der Woche, über Vivi@n, BiZZ bis jüngst zur FTD oder FR? Fehlinvestitionen und Enttäuschungen gehören zum Unternehmertum, dürfen aber den Blick für die Chancen nicht trüben. Die ärgsten Fehler werden gemacht, wenn es Unternehmen gut geht. Zu gut. Frank Schirrmacher profiliert sich als ertragsstarker Printpublizist auf Kosten des hinter allen Hoffnungen zurückgebliebenen Internets. Dabei verdankt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung einen Teil ihres Erfolg veränderten Lesegewohnheiten. Gewiß: sie ist eine Zeitung mit hoher redaktioneller Qualität. Doch dass der Sonntag zum hintergründigen Lesetag werden konnte, liegt an veränderten Rezeptionsbedingungen durch was? Ja, richtig das Internet! Gleich mehreren Titeln (und überdies den Vorabausgaben der Montagsmagazine) bot der Sonntag Platz. Der Montag erscheint in diesen hektischen Zeiten beinahe schon als zu spät, um informationell gerüstet zu sein. Menschen wollen sich informieren (lassen), aber sie brauchen eben auch Zeit, die Informationen zu konsumieren. Print und online zusammen erzeugen Geschäftsmodelle. Warum sie also gegeneinander ausspielen?

Frank Schirrmacher redet wie ein enttäuschter Firmenpartiarch, der seine Kinder enterbt, weil sie nicht die genaue gleichen Erfolge produzieren wie die eigenen Generation in den seligen Wirtschaftswundertagen. Es wird Zeit, dass ein guter Freund ihn mal am Ärmel zupft: Horsche mal…

6 Antworten zu “Wenn Zeitungen sterben, darf das Internet nicht leben

  1. Ich finde es ja toll, wenn Leute solche Urteile fällen, weil sie die letzten Jahre auch durch harte Arbeit im Konkurrenzkampf der Medien mit tollen Lösungen aufgefallen sind, und die Person, die 9 Jahre im warmen Schoss der Kirche die üblichen Journalistennetzwerke in Bayern betreute und Leute nach Religionszugehörigkeit in die Redaktonen des BR einführte, ist vermutlich nur eine Namenscousine, nehme ich an.

    • Lieber DonAlphonso, ich hatte in Erwägung gezogen, dass Sie sich ärgern könnten. Ihren Namen habe ich aber als Metapher für die bohemiènhafte-bissige Kunstfigur gesehen, die Sie selber einst im ifp in einer Veranstaltung erläutert haben. Von daher keine Namenscousine, sonder Volltreffer. Nur bei der Einführung von Leuten trügt Sie Ihre Wahrnehmung. Da habe ich alle Erwartungen an mich gerne nicht erfüllt.

  2. Wie war das nochmal mit den Pflichtstationen bei der Hospitanz beim BR? Alle müssen reisen, aber die ifpler durften beim Zündfunk bleiben, wenn ich mich da recht erinnere. Nur das beste für die Schnäutzelchen. Ja, ich weiss, die Seidlstiftungen dieser Welt machen es auch nicht anders, Bayern halt.

    Ansonsten, nein, ich ärgere mch natürlich nicht, ich amüsiere mich gerade nur trefflich über all die aus dem normalen Journalismus Ausgetretenen, die es jetzt so bestens wissen. Der Dreier aus dem Wellawebseitenmacher Knüwer, dem wegen Bildklau und mangelnder Leistung entprofiblogten Jakubetz und dann zur Krönung noch dieses Wording-Profiling auf einem Blog, das sich an KMUs wendet, als wäre es wieder 2001. Ich denke, Herr Schirrmacher hat sich eine kritische Debatte verdient, aber sowas :

    “Es fehlt an konzertierten Aktionen, mit denen sinnvoll und nachhaltig investiert wird: in Initiativen, die branchenrelevante, taugliche Modelle zur Organisation des Wandels entwickeln, in den Aufbau von Kreativlaboren, in die Förderung von Erfahrungswissen und Denkfreiheit, in Best Practice Beispiele, die nicht nur beim (Welt)-Verlegertreffen dokumentiert werden, in einfache Bezahl- und flexibilisierbare Abomodelle, in Vernetzungen, um die vorhandenen Aktivitäten der Zeitungsleseförderung Jugendlicher etc. zu vernetzen, neues Leseverhalten (Spotting), und vieles andere mehr.”

    Klar, Jakubetz und Knüwer kaufen das, der Rest denkt, nehme ich an, jenseits solcher verschwommenen Einlassungen. Ist das alles? Oh weh. Zum Glück arbeite ich bei Schirrmacher.

  3. “Es fehlt an konzertierten Aktionen, mit denen sinnvoll und nachhaltig investiert wird: in Initiativen, die branchenrelevante, taugliche Modelle zur Organisation des Wandels entwickeln, in den Aufbau von Kreativlaboren, in die Förderung von Erfahrungswissen und Denkfreiheit, in Best Practice ”

    BULLSHIT!

    Wann darf ich meinen Preis abholen?

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